Am Wochenende haben wir Travolta geholfen, sich von seiner Junggesellenzeit zu verabschieden. “Wir” waren 7 mehr oder weniger junge Männer, die seinen bisherigen Lebensweg geprägt unterschiedlich lang und intensiv begleitet haben. Erfreulicherweise machte sich unser Held tatsächlich die Mühe, ein paar Sätze zur jeweiligen gemeinsamen Vergangenheit zu sagen, wobei naturgemäß ungeahnte Abgründe zutage traten. Etwas ernüchternd war diese Runde sicherlich für diejenigen unter uns, deren Freundschaft gleich zu Beginn als “nur angeheiratet” oder “bloß adoptiert” abqualifiziert wurde.

Vielleicht muss man Travolta zugute halten, dass er zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich neben sich stand, weil ihn der Junggesellenabschied eher unvorbereitet getroffen hatte. Er hatte mich einige Tage zuvor darauf angesprochen, dass Hase am Samstag von ihren Mädels zu einer Hens’ Night entführt werde: ob denn für ihn auch noch so etwas anstehe. Eigentlich eine Unverschämtheit, diese Frage - entweder wir haben insgeheim was geplant, dann geht’s ihn nichts an, oder wir haben nichts vor, dann setzt er uns ungebührlich unter Druck. Wie auch immer: ich machte gute Miene zum bösen Spiel und bedeutete ihm, es sei kein Fehler, sich besagten Samstag abend auch mal freizuhalten. Tatsächlich hatten wir längst alles für Freitag geplant.

Hase unterstützte uns großartig, indem sie nicht nur frühzeitig den Termin in seinem Kalender blockierte, sondern am Tag selbst auch die benötigten Wechselklamotten besorgte und uns den Zugang zu seinem Arbeitsplatz ermöglichte (haben wir eigentlich jemals geschrieben, dass die beiden einen gemeinsamen Arbeitgeber haben?). Dort hatte eine eingeweihte Mitarbeiterin (vielen vielen Dank, H.!) zudem einen dringenden Termin mit Travolta arrangiert, um sicher zu stellen, dass er präsent und nicht durch andere Termine gebunden sein würde. Langer Rede kurzer Sinn: irgendwann standen wir in seinem Büro und drückten ihm eine Kleidertüte in die Hand.

Wer jetzt glaubt, diese Tüte habe mehr oder weniger spaßige Verkleidungen enthalten, ist jedoch auf dem Holzweg: “Keine Erniedrigungen” hatten wir uns vorgenommen1 (Kleiner Gruß an die Damen…). Wir waren im Vorfeld zum Schluss gekommen, dass es primär darum gehen solle, gemeinsam viel Spaß zu haben. Wenn man ehrlich ist, kann man einräumen, dass der Spaß phasenweise deutlich stärker auf unserer als auf seiner Seite lag, weil Travolta stets das Damoklesschwert einer eventuellen inhaltlichen “Verschärfung” über sich wähnte.

Kurz zum Ablauf:
wir tranken die ersten paar Runden an einer innerstädtischen Bistrotischsiedlung, schlemmten anschließend heldenhaft in der Erlebnisgastronomie, besuchten verschiedene Karaokeschuppen und (Getränke-)Konsumtempel, schliefen auf, äh,  Isomatten ein paar Stündchen, um am nächsten Tag bei einladendem Regenwetter durchs Mittelgebirge zu wandern. Einzelheiten dürfen wohl per definitionem nicht verraten werden, doch eines muss ich loswerden: überaus bedauerlich war der Umstand, dass wir aufgrund organisatorischer Unzulänglichkeiten der Karaokebarbetreiber2 nur ansatzweise Travoltas Sangeskünste erahnen konnten - zu gerne hätten wir sein Seemannsgarn bezüglich eindrucksvoller Erfolge als “Singstar”3 als solches enttarnt. Oder ihm gehuldigt, schließlich hatte er sich keine ganz namenlosen Interpreten vorgenommen - “in the ghetto”, “pianoman” und “something beautiful” mögen andeuten, in welchen Sphären Travolta sich sieht. “Grease Lightning” hatte er überraschenderweise nicht ausgewählt.

Eine ganze Reihe aufschlussreicher Gespräche und unerwarteter Angebote (”Einmal Ficken für 1 Euro Fünfzig”) würden eine tiefergehende Erörterung rechtfertigen; dem steht jedoch die bereits erwähnte Vertraulichkeit, die gute Kinderstube oder schlicht das Zeitbudget im Weg: in weniger als sechs Tagen wird geheiratet, und es ist noch sooo viel zu tun.

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  1. Eigentlich schade, wie wir später am Abend einsehen mussten, als uns ein als Schweinchen verkleideter junger Mann mit aufblasbarem Riesenpenis im Arm begegnete []
  2. Überhaupt scheint sich hier ein Phänomen entwickelt zu haben, das mir persönlich eher fremd ist. Das Karaoke-Mikrokosmos ist, ganz wertfrei geschrieben und gemeint, “anders”. Man könnte boshaft unterstellen, dass hier eine überraschend große Zahl junger und nicht so junger Menschen die immer gleichen Lieder mehrmals am Abend in allen Singbars der Gegend zum Besten gibt und sich permanent auf das nächste DSDS-Casting vorbereitet. Vielleicht ist es aber einfach nur so, dass diese Leute sehr viel Spaß am Singen haben und sich mit einer gewissen Berechtigung über jene Besucher wundern, die einmal im Jahr Jahrzehnt in eine Karaokebar einfallen und mit ihrem Gegröle die wirklich interessierte Klientel vor den Kopf stoßen. []
  3. Singstar ist ein Karaoke-Computerspiel, dessentwegen Travolta sich eine Playststion schenken ließ. Sagt er. []